Echtheit
Thonet-Stuhl: Original oder Reproduktion – so erkennen Sie den Unterschied
Ein Ratgeber zur Bestimmung echter Thonet-Stühle: Marken, Etiketten, Stempel, die wertvollsten Modelle (Nr. 14, Nr. 18, B9), Preisspannen und die Unterschiede, an denen man Reproduktionen erkennt.
Der Thonet-Stuhl ist vermutlich das meistproduzierte Möbelstück der Geschichte: Allein vom Modell Nr. 14 wurden seit 1859 mehr als 50 Millionen Exemplare verkauft. Gerade diese Allgegenwart macht ihn für Käufer zum Minenfeld, denn Reproduktionen – manche hervorragend, viele mittelmäßig – übertreffen die im Umlauf befindlichen Originale bei Weitem. Wer einen originalen Thonet erkennen will, muss die Fabrikmarken kennen, die Entwicklung des Unternehmens verstehen und vor allem das Holz lesen können.
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Michael Thonet (1796–1871), ein in Wien ansässiger deutscher Tischler, ließ 1856 das Verfahren patentieren, massives Buchenholz unter Dampf zu biegen – ein technischer Fortschritt, der die Möbelindustrie veränderte. Sein Unternehmen, Gebrüder Thonet, eröffnete Fabriken in Mähren (heute Tschechien), vor allem in Koritschan (Koryčany) und Bystřice pod Hostýnem, wo Buche reichlich vorhanden und Arbeitskraft günstig war. Um 1900 fertigte das Unternehmen 4.000 Stück am Tag.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die tschechischen Fabriken verstaatlicht und firmieren seit 1953 als TON (Továrna Ohýbaného Nábytku), während die Marke Thonet in Deutschland (Frankenberg) weiterbestand. Beide Unternehmen sind bis heute aktiv, was die Bestimmung erschwert: Ein TON-Stuhl aus den 1950er-Jahren ist ein legitimes Stück aus derselben Fabrik wie die originalen Thonet-Stühle, im strengen Sinn aber kein „Thonet“.
Marken und Stempel, die die Echtheit belegen
Originale Thonet-Stühle können je nach Herstellungszeit unterschiedliche Marken tragen:
- Papieretikett (um 1860–1900): Die ältesten Stühle tragen unter der Sitzfläche ein aufgeklebtes Papieretikett mit dem Firmenemblem, dem Text „Gebrüder Thonet Wien“ und manchmal der Modellnummer. Diese Etiketten sind selten unversehrt erhalten.
- Brandstempel (um 1880–1920): das Wort „THONET“, heiß ins Holz geprägt, meist unter dem Sitz oder innen am Sitzring. Es ist die zuverlässigste Marke.
- Ovalstempel mit Stern (um 1920–1940): ein aufgedruckter Stempel mit dem Namen Thonet in einem Oval, manchmal mit fünfzackigem Stern.
- Metallplakette (verschiedene Zeiten): kleine Messing- oder Aluminiumschilder, am Gestell angeschraubt.
- TON-Marke (nach 1953): Stühle aus den ehemaligen tschechischen Fabriken tragen die Marke TON, nicht Thonet.
Die wertvollsten Modelle
- Nr. 14 (heute Modell 214): der Thonet-Stuhl schlechthin. 1859 entworfen, besteht er aus nur sechs gebogenen Holzteilen, zehn Schrauben und zwei Muttern. Exemplare des 19. Jahrhunderts mit Originaletikett erreichen 800–2.000 Euro, solche des 20. Jahrhunderts 200–600 Euro.
- Nr. 18: eine Variante der Nr. 14 mit höherer Lehne und zusätzlichem Zierbogen. Etwas seltener und gefragter: 300–800 Euro für Exemplare des 20. Jahrhunderts.
- Schaukelstuhl Nr. 1 (Modell 7014): der ikonische Schaukelstuhl mit durchgehenden Buchenholzschwüngen. Exemplare des 19. Jahrhunderts 1.500–4.000 Euro, des 20. Jahrhunderts 400–1.200 Euro.
- B9 (Nr. 209): der Armlehnstuhl aus Bugholz, den Le Corbusier für seine Interieurs und seinen Pavillon von 1925 wählte, weshalb er oft „Le-Corbusier-Stuhl“ genannt wird. Alte, gemarkte Exemplare sind sehr gesucht. Nicht zu verwechseln mit den Stahlrohrmöbeln von Le Corbusier, Charlotte Perriand und Pierre Jeanneret, die Thonet um 1930 herstellte – Designstücke mit eigenem Markt.
- Armlehnstuhl Nr. 6009: ein Sessel mit Rohrgeflecht-Sitz. Exemplare aus der Zeit vor 1920 sind sehr gefragt: 600–1.500 Euro.
Woran man Reproduktionen erkennt
Reproduktionen von Thonet-Stühlen gibt es reichlich, seit das ursprüngliche Patent Ende des 19. Jahrhunderts auslief. Auch Hersteller in anderen Ländern, darunter Spanien, fertigten eigene Versionen. Diese Merkmale verraten eine Reproduktion:
- Das Holz: Originale Thonet-Stühle bestehen aus europäischer Buche (Fagus sylvatica), in einem Stück dampfgebogen. Reproduktionen verwenden oft Schichtholz (verleimte Lagen), das man an den Kanten und an den Stellen stärkster Biegung erkennt.
- Die Verbindungen: Bei einem originalen Thonet sind die Schwünge durchgehend und organisch. Bei Kopien sind die Verbindungen deutlicher, mit kleinen Absätzen oder Brüchen in der Faser.
- Der Sitz: Originalsitze sind handgeflochtenes Wiener Geflecht oder gepresstes Sperrholz mit Reliefprägung. Geflecht aus Kunststoff oder aufgeklebter Stoff deuten auf spätere Fertigung oder eine Reproduktion hin.
- Das Gewicht: Ein originaler Nr.-14-Stuhl wiegt rund 3 kg. Reproduktionen aus schwereren Hölzern oder Schichtholz sind meist spürbar schwerer.
- Die Schrauben: Schrauben des 19. Jahrhunderts sind geschmiedet, mit gewölbtem Kopf und einfachem Schlitz. Kreuzschlitzschrauben (Phillips) kamen erst in den 1930er-Jahren auf.
Der Thonet-Markt heute
Das Interesse an Thonet-Stühlen ist seit Jahrzehnten stabil, getragen von Innenarchitekten, die ihre Vielseitigkeit schätzen: Eine Nr. 14 passt ins rustikale Esszimmer ebenso wie ins minimalistische Loft. Die Preise sind moderat gestiegen, um etwa 3–5 % pro Jahr bei Stücken des 19. Jahrhunderts in gutem Zustand. Entwürfe namhafter Gestalter (Le Corbusier, Breuer, Hoffmann) verhalten sich wie Autorendesign, ihre Preise folgen einer anderen Logik, näher am Kunstmarkt.
Le Corbusier nannte den Stuhl Nr. 14 „das eleganteste und vornehmste Erzeugnis industrieller Fertigung“. Fast zwei Jahrhunderte später fällt es schwer, ihm zu widersprechen.
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