Ratgeber
Antike Uhren: Typen und wie man sie erkennt
Ein Ratgeber zu den wichtigsten Typen antiker Uhren – Standuhr, Stockuhr, Kaminuhr, Reiseuhr und Wanduhr – mit Hinweisen zur Datierung, zu den Herstellern und zum Zustand des Uhrwerks.
Antike Uhren gehören zu den faszinierendsten Sammelgebieten. Sie verbinden Präzisionsmechanik, Kunsttischlerei und Metallkunst und besitzen in ihren besten Exemplaren einen künstlerischen Wert, der dem einer Skulptur gleichkommt. Die wichtigsten Typen zu kennen, ein Zifferblatt lesen zu können und die Grundlagen des Uhrwerks zu verstehen, ist der Schlüssel zu einem überlegten Kauf.
Standuhr (Longcase oder Grandfather Clock)
Die Standuhr ist die Königin der häuslichen Uhrmacherkunst. Sie entstand um 1660 in England, kurz nachdem Christiaan Huygens das Pendel für die Zeitmessung nutzbar gemacht hatte. Ihr hohes Gehäuse, meist 180 bis 250 cm, birgt das Pendel und die Gewichte, die das Werk antreiben. Die großen englischen Uhrmacher des 17. und 18. Jahrhunderts – Thomas Tompion, George Graham, Joseph Knibb – schufen Uhren, die heute auf Auktionen sehr hohe Preise erzielen.
In Spanien waren Standuhren seltener, doch wurden englische und holländische Exemplare eingeführt, und einige einheimische Uhrmacher fertigten bemerkenswerte Stücke. Der Gehäusestil wandelt sich mit der Epoche: Blumenmarketerie in der William-and-Mary-Zeit, Chinoiserie-Lack unter Queen Anne, Mahagoni mit gesprengtem Giebel im Georgian Style.
Stockuhr (Bracket Clock)
Die Bracket Clock ist eine Tischuhr mit Federantrieb statt Gewichten und kann daher auf einem Wandbord, einer Konsole oder einem Regal stehen. Sie entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in England und erlebte im 18. Jahrhundert ihre Blüte. Das Gehäuse, meist aus ebonisiertem Holz, Mahagoni oder Lack, trägt oft einen Tragegriff aus Messing. Die besten Stücke besitzen ein Viertelschlagwerk auf Glocken oder Tonfedern.
In Frankreich nahm die Tischuhr skulpturalere Formen an: die Pendules der Louis-XV-Zeit mit Gehäusen aus vergoldeter Bronze und Rokoko-Schwüngen und jene der Louis-XVI-Zeit aus Marmor und Bronze mit klassizistischen Formen sind Schlüsselwerke des französischen Kunsthandwerks.
Kaminuhr (Mantel Clock)
Die Kaminuhr unterscheidet sich von der Bracket Clock durch ihre niedrigere, breitere Form, die eigens für den Kaminsims gedacht ist. Französische Empire-Kaminuhren (um 1800–1830) mit Figuren aus vergoldeter Bronze auf Sockeln aus schwarzem oder grünem Marmor sind wohl der bekannteste Typ. Ihre figürlichen Themen – mythologisch, historisch, allegorisch – geben vielen Modellen ihren Namen: „pendule au char“, „pendule à la Vestale“ und andere.
Reiseuhr (Carriage Clock)
Die Reiseuhr (französisch pendulette de voyage) ist eine tragbare Uhr mit Gehäuse aus Messing und Glas, meist 10 bis 20 cm hoch, ursprünglich für die Reise gedacht. Sie entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich; Abraham-Louis Breguet war einer ihrer ersten Hersteller. Die besten Stücke haben gravierte oder emaillierte Gehäuse, Porzellanzifferblätter und Werke mit Stundenrepetition und Wecker. Zu den angesehensten Herstellern zählen Drocourt, Margaine und Jacot.
Wanduhren
Die Kategorie der Wanduhren ist sehr weit. Sie reicht von schlichten Pendeluhren mit Holzgehäuse (Typ Wiener Regulator, im 19. Jahrhundert in Österreich und Deutschland gefertigt) über französische Wanduhren aus vergoldeter Bronze (Cartels) bis zu Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald und Bahnhofsuhren. Die französischen Cartel-Uhren des 18. Jahrhunderts mit ihren reich verzierten Rokoko-Bronzegehäusen sind Stücke von großem dekorativem Wert.
Eine Uhr am Zifferblatt datieren
Das Zifferblatt gehört zu den aufschlussreichsten Merkmalen für die Datierung:
- Messingzifferblätter mit versilbertem Stundenring: typisch für englische Uhren vom späten 17. bis weit ins 18. Jahrhundert. Auf eine Messingplatte wird ein gravierter, versilberter Stundenring gesetzt; die Ecken (Spandrels) tragen gegossene Messingappliken mit Putten, Kronen oder Blattwerk.
- Nur ein Zeiger: Uhren mit reinem Stundenzeiger sind meist sehr früh oder ländlicher Herkunft; der Minutenzeiger setzt sich im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts durch.
- Emailkartuschen-Zifferblätter: bei französischen Uhren des 18. Jahrhunderts sitzt jede Ziffer oft auf einer eigenen weißen Emailkartusche auf einem Zifferblatt aus vergoldeter Bronze.
- Bemalte Zifferblätter (White Dials): bei englischen Standuhren erscheinen sie um 1770 und verdrängen gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Messing. Die schwarz auf weißen Grund gemalten Ziffern sind leichter lesbar.
- Bogenzifferblätter: Zifferblätter mit halbrundem Aufsatz, der Mondphase, Datum oder Kalender zeigt, stammen in der Regel aus der Zeit ab etwa 1720.
- Signierte Zifferblätter: viele Uhrmacher signierten ihre Zifferblätter. Der Name ermöglicht eine direkte Zuschreibung.
Das Uhrwerk: worauf zu achten ist
Eine antike Uhr ist vor allem eine Maschine. Zustand und Qualität des Uhrwerks bestimmen ihren Wert ebenso wie ihre Funktion:
- Hemmung: die frühesten Uhren haben eine Spindelhemmung, die ab etwa 1670 allmählich von der Ankerhemmung abgelöst wurde und später von der ruhenden Ankerhemmung (Graham-Gang), die George Graham um 1715 vervollkommnete. Die Art der Hemmung hilft bei der Datierung.
- Platinen: massive Messingplatinen (die Metallplatten, die das Räderwerk tragen) mit gedrechselten Pfeilern sprechen für Handarbeit vor der industriellen Fertigung.
- Signatur auf dem Werk: viele Uhrmacher gravierten ihren Namen auf die hintere Platine. Sie ist ein Schlüsselhinweis für die Zuschreibung.
- Schlagwerk: der Stundenschlag auf eine einzelne Glocke ist die einfachste Form. Viertelschlag (Ting-Tang), Repetition und Musikwerke sind komplexer und gesuchter.
- Gesamtzustand: ein einwandfrei laufendes Werk ist viel mehr wert als ein stehendes. Uhrwerke lassen sich jedoch restaurieren, und spezialisierte Uhrmacher können scheinbar leblose Stücke wieder zum Laufen bringen.
Wichtige Hersteller und Marken
Neben den genannten großen Namen (Tompion, Graham, Breguet) sollte man Japy Frères kennen (französische Werke des 19. Jahrhunderts, in Kaminuhren allgegenwärtig), Lenzkirch und Gustav Becker (deutsche Wand- und Tischuhren), Ansonia und Seth Thomas (amerikanische Uhren des 19. Jahrhunderts) sowie in Spanien die Brüder Charost, französische Uhrmacher in Madrid, die ab 1771 die von Karl III. gegründete Königliche Uhrmacherschule leiteten – Vorläuferin der kurzlebigen Königlichen Uhrenmanufaktur (1788–1793).
Tipps für Käufer
- Prüfen Sie, ob Gehäuse und Werk ursprünglich zusammengehören (sogenannte „married movements“ sind häufig und mindern den Wert).
- Bitten Sie den Verkäufer um ein Video der laufenden Uhr und, falls sie ein Schlagwerk hat, beim Stundenschlag.
- Betrachten Sie das Zifferblatt bei gutem Licht: restaurierte und übermalte Zifferblätter sind häufig und an Tonunterschieden zu erkennen.
- Rechnen Sie die Kosten einer Werksrestaurierung ein; sie können erheblich sein, wenn Teile fehlen oder der Verschleiß stark ist.
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